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Memory19
05.02.2006, 18:50
:confused: Ich brauch hilfe zu diesem Text

Hans Magnus Enzensberger

Unsere Landessprache und ihre Leibwächter (1979)


Die üblichen Klagen zuerst. Sie kommen von Herzen, aber ich kann mich, was sie betrifft, kurz fassen. Denn seit Jahren jammern Bildungsexperten, Professoren, Chefs über mangelhafte Deutschkenntnisse bei Hauptschülern, Doktoranden, Lehrlingen: ja sogar aus den Handelskammern sind diesbezügliche Seufzer zu vernehmen, gerade so, als weise ein reichliches Spesenkonto den Inhaber schon als Gralshüter der Muttersprache aus.
Diese Verwahrlosung! Dieser Amerikanismus! Diese rüden Stummelsätze aus der Discothek! Diese unglaublichen Patzer im Schulaufsatz! Und so weiter. Das kennt man. Man kennt den müden Stumpfsinn der alternativen scene, man kennt die berüchtigten Zwanzigjährigen, deren Wortschatz kaum über achthundert Vokabeln hinausgeht und deren Grammatik die Struktur eines Kaugummis hat; allerdings auch die Klagen darüber kennt man, ja, sie hängen einem möglicherweise schon zum Hals heraus.
Denn die Herren, die unserer Sprache da so eilfertig beispringen, als wäre sie eine altersschwache Patientin: diese muskulösen Pfleger machen sich ja nicht erst seit gestern an ihrem Rocksaum zu schaffen. Und heute wie damals bleiben ihnen nachhaltige Erfolge versagt - glücklicherweise, möchte ich meinen, wenn ich bedenke, was diese Apostel. des guten 'wahren und richtigen Deutsch sich schon alles geleistet haben an Dünkel, Verbohrtheit und Besserwisserei, allen voran der Herr Dr. Konrad Duden selig, der unserer Sprache, die ja wohl kaum die seine war, schon vor hundert Jahren mit seinen hageren Schulmeister- Ellbogen zu nahe getreten ist.
Da ist der Herr Doktor freilich an die Unrechte geraten. Die Sprache ist nämlich immer lebendiger und jünger als ihre arthritischen (1) Leibwächter. Sie pfeift darauf, von ihnen rein gehalten und beschützt zu werden, und auf die akademische Wach- und Schließgesellschaft hat sie - sit venia verbo - einfach keinen Bock. Die Rache der Impotenten sind die Vorschriften, mit denen unsere Kinder in der Schule misshandelt werden. Hinter dem Rücken ihrer Aufseher aber lässt sich die Sprache munter mit den Vandalen ein, vor denen jene sie zu bewahren suchen. Großmütig wie eh und je gibt sie sich hin dem frechen, penetranten, falschen, chaotischen, gepfefferten, gemeinen, obszönen Gequassel der Fußballer, Schüler, Knastbrüder, Börsianer, Soldaten, Zuhälter, Flippies, Penner und Huren. Der reinste Horror-Trip, müssten die Herren vom zuständigen Sprachdezernat da ausrufen, wenn ihnen diese vulgäre Wendung nicht fremd wäre.
Nur, dass man unsereinen hierauf nicht mit allen Anzeichen des Entsetzens aufmerksam
zu machen braucht. Sensible Ohren haben wir selber, und was mich angeht, so gebe ich
gerne zu, dass ich zusammenzucke, wenn die Kids anfangen, ihre Beziehungskisten auszudiskutieren, und wenn sie wieder mal kurz abchecken, was Sache ist. Diese Redensarten finde ich deprimierend. Wenn ich dann allerdings den Fahrkartenzwickern der Nation zuhöre, wird mir noch übler; diese Heger, Warner und Walter haben sich ja seit Opa Dudens Zeiten erschreckend vermehrt, und ganz egal, ob sie aus den Redaktionsstuben der F.A.Z., aus dem Rotary Club (3) oder aus dem Kultusministerium kommen, es ist längst nicht mehr damit getan, ihre Schriftsätze in den Papierkorb zu stopfen.
"Die zur Beurteilung berufene Behörde muss sich vielmehr unter Ausschöpfung aller Erkenntnismittel - auch und gerade unter Berücksichtigung von Äußerungen des Bewerbers über seine politische Einstellung - die Überzeugung bilden, ob der Bewerber die Gewähr für die von ihm zu fordernde Verfassungstreue bietet. ‚Zweifel an der Verfassungstreue' zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang nur, dass die bestellende Behörde nicht davon überzeugt ist, dass der Bewerber die Gewähr bietet, jederzeit die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren... Dem Antragsteller kann es deshalb nichts nützen, wenn er immer wieder hervorhebt, dass er sich derzeit durchaus legal verhalte, die geltenden Gesetze also beachte und dies weiterhin tun wolle. Das ist nicht entscheidend für die Beurteilung, ob er die Gewähr bietet, jederzeit die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren." [...].Da ist mir, offen gestanden, der Disco-Slang, der Kneipen-Jargon, der Rocker-Sound, der Knacki-Argot noch lieber; denn der gedeiht und verwelkt wie die Lilien auf dem Felde, und nach ein paar Jahren bleibt nur ein Komposthaufen davon übrig, wogegen die machtgeschützten Bandwurmsätze der Schreibtischtäter immer neue Glieder, Haken und Saugnäpfe ansetzen.
(702 W)






1 arthritisch: an einer Gelenkentzündung leidend
2 sit venia verbo: wenn der Ausdruck erlaubt ist
3 Rotary Club: internationale Vereinigung von Geschäftsleuten


ich soll die Thesen (kernaussagen) raussuchen und dazu die Argumente und Beispiele.

Aus meiner Sicht besteht dieser text nur aus argumenten, keine ahnung.
Wäre nett wenn ihr mir helfen könntet

Bis dann liebe Grüße
Memory19

sina.mummel
25.02.2006, 15:34
Hallo!
also.. wir hatten das ah scho dran! mussten darüber ne eröterung
schreiben! hoffe es hilft dir

also..
Zeile 3-5: seit Jahren jammern Bildungsexperten, Professoren, Chefs über mangelhafte Deutschkenntnisse --> These
Zeile 11-13: Diese Verwahrlosung! Dieser Amerikanismus! Diese rüden Stummelsätze aus der Discothek! Diese unglaublichen Patzer im Schulaufsatz! --> Argument
Zeile 16-19: Zwanzigjährigen, deren Wortschatz kaum über achthundert Vokabeln hinausgeht und deren Grammatik die Struktur eines Kaugummis hat --> Beispiel
Zeile 27-28: Und heute wie damals bleiben ihnen nachhaltige Erfolge versagt --> These
Zeile 33-37: alle Voran der Herr Dr. Konrad Duden [...] zu nahe getreten ist. --> Beispiel
Zeile 39-41: Die Sprache ist nämlich immer lebendiger und jünger als ihre arthritischen Leibwächter --> These
Zeile 45-47: Die Rache der Impotenten sind die Vorschriften, mit denen unsere Kinder in der Schule mißhandelt werden. --> These
Zeile 47-50: Hinter dem Rücken ihrer Aufseher aber läßt sich die Sprache munter mit den Vandalen ein, vor denen jene sie zu bewahren suchen --> Gegenthese
Zeile 69-77: Wenn ich dann [...] Papierkorb zu stopfen --> These
Zeile 98-101: Da ist mir offengestanden der disco-Slang, der kneipen-jargon, der Rock-Sound, der Knacki-Argot noch lieber --> Argument
Zeile 103-106: Wogegen die machtgeschützen Bandwurmsätze der Schreibtäter immer neue Glieder, Haken und Saugnäpfe ansetzen --> Gegenthese

So.. und das stück, also die amts- und behördensprache, das übelste Zittat, dass zeigt die wie kompliziert die dt. Sprache ist und das sie im Prinzig keiner versteht!